HPG

Die Volkssicherheitskräfte Kurdistans

DIE FARBE DES WIDERSTANDS IN RABAT, DERSIM!                                                                                

Es ist der 30. Dezember 2011, und Rabat ist vom Klang der Waffen wie von Sinnen. Seit drei Tagen steigen in diesem aufständischen Tal, das in eine schneeweiße Decke gehüllt ist, ununterbrochen Schüsse auf.

Sie hallen von den schroffen Felsen Rabats wider und verlieren sich in seinen bodenlosen Schluchten!

Rabat ist es gewohnt, den Klang der Waffen zu verschlucken, so wie es sich daran gewöhnt hat, den schweren Schmerz der Jahre zu verschlingen! Die Schluchten Rabats, die beim Massaker von 1938 die Schreie Dutzender Frauen verschluckten, verschlingen nun den Widerstandsschrei von sieben tapferen Männern!

Rabat ist unter meterhohem Schnee beinahe verschwunden. Die weiße Decke, die es über sich gezogen hat, wird gleich vom Blut der sieben tapferen Männer rot gefärbt werden. Rabat wird bald Fruchtbarkeit in seine fruchtbare Erde strömen lassen, die unter dem Weiß ruht. Seine vom Blut genährte Fruchtbarkeit wird seinen sieben Kindern Nahrung sein, und eine neue Legende des Widerstands wird geschrieben werden! Die Menschenjäger werden angesichts dieses Widerstands schrumpfen, sich ducken, erniedrigen und verschwinden!

Der Widerstand von Aziz Dersim, Îsa Cihat, Sason Zagros, Mahsum Çayan, Zînar Siirt, Özgür und Dijwar Batman wird in Dersim zu einer neuen Stimme der Freiheit. Er wird zu einem Freiheitslied, das durch Dersim zieht und das kummervolle, zornige, eigensinnige, rebellische, widerständige und weise Herz seiner alten Menschen erleichtert. Er wird Ehre, Tugend und Würde in die Herzen der tapferen Jugend säen. Durch den Widerstand dieser ehrenhaften Männer wird Dersim seine eigene widerständige Identität wiedererlangen. Dieser Widerstand wird Dersim erneut mit sich selbst zusammenführen, mit sich versöhnen und wieder aufrichten – zum Aufstand und zum Widerstand!

Die sieben tapferen Männer werden Freiheitsparolen rufen und mit ihren ehrenhaften, mutigen Herzen und ihren kräftigen Stimmen zu Dersim sprechen:

 

„Dersim, die blutende Wunde unseres Herzens,

Lass nun den Schmerz los, der dich erfüllt,

Achte nicht auf den Schmerz,

Richte dich ganz auf den Widerstand,

Der Widerstand

Stillt die Heftigkeit des Schmerzes,

Entflammt deinen Geist,

Erleichtert dein Herz,

Verwandelt Schmerz in die Liebe zur Freiheit,

Gebiert das Licht,

Lass den Schmerz los, Dersim,

Bleib nicht am Abgrund des Schmerzes stehen,

Breite deine Flügel aus,

Der Rand des Abgrunds ist der Ort zum Abheben,

Binde deinen Schmerz an die Spitze deines Flügels,

Lass ihn in den Gängen der Schlucht zurück,

Die Schluchten verschlingen den Schmerz,

Schärfen dein Herz,

Stärken es,

Und säen erneut in dein Herz

Den Samen der Freiheit, der Ehre und des Mutes,

Sie führen dich zur Hoffnung,

Sie führen dich zum Widerstand,

Sie führen dich zur Freiheit,

Sie führen dich zur Wahrheit,

Wie sie uns geführt haben, Dersim!“

 

Wenn der Kalender den 30. Dezember zeigt, schreiben die sieben tapferen Männer ihre Legende in Dersim selbst. Am 30. Dezember wird der Geschichte der Widerstände von Dersim eine weitere neue Widerstandslegende hinzugefügt.

Während Aziz die Pfade seiner verlorenen Geschichte beschreitet, begegnet er seiner Wahrheit. Die Worte, die er im Sommer 2009 zu mir sagte – „Ich gehe, um meiner Wahrheit zu begegnen und mich zu vollenden“ –, setzt er in die Tat um. Aziz vollendet sich, indem er die großen Schmerzen, die seine Geschichte ihm auferlegt hatte, in den Schluchten von Rabat zurücklässt.

Wann immer ich an Aziz denke, versuche ich, der menschlichen Suche nach der VOLLENDUNG seiner selbst einen Sinn zu geben. Dass der Mensch stets das Gefühl hat, ihm fehle ein Teil, erscheint mir als unerlässliche Voraussetzung dafür, offen für Entwicklung und Veränderung zu sein und den Spuren der Wahrheit zu folgen. Dieses Gefühl des Unvollständigen zieht den Menschen in die Natur, das Universum und das Leben hinein. Es führt ihn mit den Wahrheiten des Lebens zusammen und macht ihn mit seiner Menschlichkeit bekannt. Es lässt den Menschen den Menschen entdecken! Es fügt seinen Augen ein Auge, seinem Herzen ein Herz und seinem Verstand einen Verstand hinzu; es öffnet vor ihm den endlosen Fluss des Lebens und lässt ihn seinen eigenen Lauf finden!

Wann immer ich an Aziz denke, versuche ich, der menschlichen Suche nach der VOLLENDUNG seiner selbst einen Sinn zu geben. Ich denke und fühle, dass die Kinder eines Landes, dessen Wahrheit gestohlen und geplündert wurde, immer mit dem Gefühl des Unvollständigen leben – erst recht, wenn dieses Land ein Land fortwährender Massaker ist. Aziz ist das verbannte Kind eines Landes voller Massaker. Er ist einer der letzten Widerstandsschreie eines Volkes, das ein großes Massaker erlitten hat.

Aziz’ Familie wurde 1973, als Aziz erst drei Jahre alt war, von Dersim nach Kayseri verbannt. Wie Tausende Familien aus Dersim wurde auch diese Familie nach dem faschistischen Putsch von 1971 gemäß dem Ansiedlungsgesetz von ihrem Land vertrieben. Mit Aziz’ eigenen Worten: „Die Verbannten von Dersim errichten in einem Randviertel, das einem Flüchtlingslager gleicht, gleichsam ein kleines Dersim.“ Es war ein nach außen misstrauisches, in sich gekehrtes Viertel mit etwa hundert Haushalten. Von Faschisten umgeben, wurde es fortwährend Zeuge heftiger Zusammenstöße und Kämpfe. In vielen Nächten kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen, tagsüber zu Kämpfen der Jugendlichen mit Steinen und Stöcken. Das Maraş-Massaker hing wie das Damoklesschwert über dem Viertel. Als sich die frischen Erinnerungen an das Dersim-Massaker mit dem Maraş-Massaker verbanden, zogen sich die Menschen des Viertels noch stärker zurück und begannen, jeden Türken als Faschisten und jeden Faschisten als Massakertäter zu sehen. Sie fürchteten sich, das Viertel zu verlassen, hielten nachts Wache und versteckten heimlich Pistolen in ihren Häusern. Aziz wuchs unter der großen Heftigkeit nationaler, konfessioneller und klassenbezogener Widersprüche auf. Er war das dritte von vier Kindern einer ehrlichen, schlichten, bescheidenen und ihren gesellschaftlichen Werten verbundenen Familie. Aziz war ein außergewöhnlich ehrliches, schlichtes, kluges und mutiges Kind. In einer strengen alevitischen Kultur aufgewachsen, verinnerlichte er tief den alevitischen Grundsatz „Hüte deine Hand, deine Zunge und deine Lenden“, nährte während seiner Schulzeit Herz, Verstand und Seele mit sozialistischen Publikationen und erweckte durch seine Lebensweise und sein Verständnis Bewunderung in seiner Umgebung. Seine Universitätsjahre in Bolu, in denen er die PKK kennenlernte, sollten für Aziz die Jahre seines Weges zu seiner Wahrheit werden.

Aziz schloss sich im Oktober 1993 der Guerilla an. Sein Abenteuer der Selbstvollendung setzte er mit einem atemlosen Kampf fort. Nach seinem Anschluss verbrachte er eine Zeit in Botan, danach viele Jahre in Mardin und kämpfte schließlich lange Jahre in Qandil und Behdinan. Er übernahm Aufgaben auf der Ebene eines Kompanie- und Bataillonskommandeurs. Alle seine Gefährtinnen und Gefährten kannten ihn für seine Bescheidenheit, seine große Gefährtenschaft und Menschenliebe, seine Ehrlichkeit, seinen Fleiß, seine Intelligenz und sein umfassendes Wissen. Alle liebten ihn sehr und brachten ihm großen Respekt entgegen.

Während seiner langen Jahre des Kampfes fühlte Aziz sich dennoch stets unvollständig und machte sich auf den Weg nach Dersim. Er glaubte von Herzen, dass er sich in dem Land vollenden würde, in dem sein Volk massakriert und verbannt worden war, und erreichte Dersim mit großer Sehnsucht.

Wahrheit ist der Ort und die Zeit, in denen der Mensch sich selbst findet und vollendet. Vollendung ist Wahrheit. Wer die Wahrheit erreicht, überwindet die Angst vor dem Tod und wird frei. Unvollständigkeit ist die Wirklichkeit des nicht befreiten Menschen; sie ist seine der Freiheit verschlossene, seine ermordete Seite! Aziz vollendete sich, indem er seine ermordete Seite befreite, und erreichte gemeinsam mit seinen sechs Gefährten die Wahrheit! So fanden Dersim und Kurdistan in der Wahrheit meiner sieben Gefährten noch einmal ihre eigene Wahrheit!

Ich verneige mich voller Respekt vor ihrem Andenken!

 

Deckname: Aziz Dersim

Vor- und Nachname: Mehmet Güneş

Geburtsdatum und -ort: 1970, Dersim

Name der Mutter: Azime

Name des Vaters: Tillo

Datum und Ort des Anschlusses: 26.11.1993, Istanbul

Datum und Ort des Todes: 30. Dezember 2011/Dersim

 

BESÊ ŞÎMAL